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Gig Economy - ist der Hype schon wieder vorbei?

Veröffentlicht am 16.03.2023 von Marcel Penn, Marketing- und Verkaufsleiter Classifieds - Bildquelle: Getty Images
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Rund zehn Jahre ist es her, dass die Gig Economy Einzug in die Arbeitswelt gehalten hat. Gemeint ist
die Vermittlung von kurzen Arbeitseinsätzen in unterschiedlichen Bereichen über digitale Plattformen. Als einer der ersten hat Niels van Doorn, Professor für Neue Medien und Digitale Kultur an der Universität Amsterdam, diese Jobs erforscht. Auf Einladung der Digital Society Initiative hat er an der Universität Zürich (UZH) eine erste Bilanz gezogen.
Die Ursprünge der Gig Economy

Die Gig Economy ist in Krisenzeiten entstanden, in den Nachwehen der globalen Finanzkrise von
2008/2009. Zu den Rahmenbedingungen gehörten eine lockere Geldpolitik und eine hohe Arbeitslosigkeit sowie der Glaube an digitale Technologien, die als Wachstumstreiber gefeiert wurden. Smartphones dominierten die Kommunikation und schufen als digitales Endgerät die idealen Voraussetzungen für die Arbeitsvermittlung über digitale Plattformen. Es waren vor allem Lieferdienste wie Deliveroo und Taxiservices wie Uber, die ein Heer an Arbeitskräften rekrutierten.

Datifizierung rückt in den Mittelpunkt der Gig Economy

Durch das grosse Angebot rückten die Arbeitskräfte schnell ins Abseits, so Niels van Doorn, und wurden von der Datafizierung verdrängt. Mit wachsender Begeisterung wurden digitale Daten erfasst, gespeichert und ausgewertet - immer mit dem Ziel, im Zusammenhang mit der Gig Economy den Profit zu optimieren. Mithilfe der Digitalisierung war es möglich, mit digitalen Mess- und Speichergeräten
nahezu alles zu erfassen, zu vermessen und zu analysieren.

Namhafte Beispiele für die Datafizierung sind Social Media Plattformen wie Facebook, LinkedIn, Twitter und Google, um nur einige zu nennen. Sie verwenden unter anderem die Verbindungen mit Nutzern dazu, um relevante Informationen zu sammeln und sie in Daten zu transferieren mit dem Ziel der Profitsteigerung.

Das rief Investoren auf den Plan, die grosse Mengen an Risikokapital in die Gig Economy steckten. Sie erkannten das Potenzial der Gig Economy und kurbelten das Wachstum der Branche an. Zu verlockend
waren die Aussichten, Daten über die Fahr- und Lieferrouten sowie über die Lebensgewohnheiten von
Millionen von Nutzern dieser Dienstleistungen zu gewinnen. Mithilfe von künstlicher Intelligenz wurden sie ausgewertet und gerieten zu einem digitalen Gewinnversprechen.

Forderungen nach einem Arbeitnehmerstatus

Aufs Abstellgleis geschoben, wollten sich diejenigen, die für diese Plattformen meist zu Dumpingpreisen, unter Druck und als Freelancer ohne soziale Absicherung arbeiteten, das nicht gefallen lassen. Die Plattformarbeiter fingen an, sich zu wehren. Forderungen nach transparenteren und vor allem höheren Löhnen und nach Sozialversicherungsleistungen wurden laut. Auch Regulierungsbehörden schlugen Alarm, weil Gig Economy ganz offensichtlich ein System der
Ausbeutung ist, dessen Arbeiter als Freiberufler ohne jede soziale Absicherung Dienst tun.

Längst überfällig war und ist der Transfer in ein Arbeitnehmerverhältnis. So jedenfalls sahen es Teile der Regulierungsbehörden und teilweise auch Gerichte in den Vereinigten Staaten, die Entschädigungszahlungen für angebracht hielten. Die Folge dieser "Revolte" seitens der Gig Worker war, dass sich die Investoren rasch zurückzogen und sich fortan zurückhaltend in Bezug auf Kapitalzuschüsse verhielten. Da wundert es nicht, dass sich der anfängliche Hype um die Gig Plattformen abkühlte.

Gig Economy - quo vadis?

Niels van Doorn bringt es nüchtern auf den Punkt und konstatiert, dass die goldenen Jahre der Gig
Economy vorbei sind. Er geht von einer Konsolidierung des Marktes aus und davon, dass sich am Ende
lediglich eine Handvoll der grössten Unternehmen am Markt werden halten können. Der bisherige
Ausnahmestatus der Gig Economy wird nach seiner Auffassung aufgelöst werden.

Stattdessen werden sich die Arbeitsmodelle der Plattform-Firmen immer mehr den Branchen im Tieflohnsektor annähern und angleichen. Was vor zehn Jahren für junge Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten noch hip war, nämlich als Selbstständiger auf dem schnelllebigen Markt der Gig Economy von einem Job zum nächsten zu hüpfen, ist nach Auffassung von van Doorn längst ein Magnet für Migranten geworden. Ihnen ist der Zugang zu besseren Jobs verwehrt, sodass sie in der Gig Economy eine Chance sehen, Geld zu verdienen.